11. September 2015

ARTIKELEMPFEHLUNG: HUMANITÄRES UNTERNEHMERTUM IST UNVERZICHTBAR

Ich empfehle Ihnen die Lektüre dieses Artikels von Dr. Alexandra Hildebrand, der am 06.09.2015 auf der Website der Huffington Post veröffentlicht wurde: 

WARUM WIR AUF HUMANITÄRES UNTERNEHMERTUM NICHT VERZICHTEN KÖNNEN

Der Maßstab des Alten

Um die Aufgaben der Gegenwart zu bewältigen, braucht es humanitäres Unternehmertum statt routiniertes Management. Das mögen zunächst einmal nur große Worte sein – aber sie werden greifbar und lebendig, wenn sie mit konkreten Lebensgeschichten verbunden sind, die vom Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns geprägt sind. 

Dazu gehört auch die Vita des ehemaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun, Jahrgang 1925, die alle bewegen dürfte, die sich im Leben etwas vornehmen, die unternehmen, nicht überheblich sind, Großes bewegen wollen, aber das Kleine nicht vernachlässigen, die Karriere als inneres Wachstum definieren und nicht als Egotrip.

Leben und Geben 

Als junger Mann war Braun Volontär in einem Aachener Export- und Importunternehmen für Agrarprodukte und übernahm nach nur drei Wochen dort die Aufgaben einer Führungskraft und wurde mit 21 Jahren Treuhänder der Firma. Liebevoll wurde er auch „Pater Braun“ genannt. Er achtete darauf, dass er alle mitnahm und sorgend Anteil an ihnen nahm.

Unvergessen ist seine beeindruckende Reaktion, als während der Fußball-Weltmeisterschaft im Juni 1998 in Lens deutsche Hooligans den französischen Gendarmen Daniel Nivel fast zu Tode schlugen. Er demonstrierte Mitgefühl und teilte das Leid mit dem Opfer, verfiel nicht in die geschäftige Routine eines „Managers“, sondern blieb ein humanitärer „Unternehmer“, der nach Wegen suchte, das Leid zu lindern. 

Schon als junger Mann besaß er die Tugenden eines ehrbaren Kaufmanns, die auch seine spätere Arbeit prägten. Denn er handelte auch beim DFB nach dem Grundsatz der Nachhaltigkeit, dass nie mehr ausgegeben werden darf als eingenommen wird.

Egidius Braun verfolgte, um die Finanzen zu konsolidieren, denselben Weg, der ihn als Unternehmer („Kartoffel-Braun“) erfolgreich gemacht hat: Er drängte auf Sparsamkeit, um die finanzielle Unabhängigkeit des Verbandes zu sichern. Nachdem er seinem Vater mit 26 Jahren als erster Mann in die Führungsspitze des SV Breinig folgte, ließ sich der Aufstieg zu höchsten Ämtern im Fußball-Verband Mittelrhein, im Westdeutschen Fußball-Verband, im DFB, in der Europäischen Fußball-Union (UEFA) und im Fußball-Weltverband (FIFA) nicht mehr aufhalten.

Auch die Anliegen der Kinder, damals vor allem die türkischen, lagen ihm schon damals am Herzen. „In zwanzig Jahren“, sagte der 48-Jährige, „werden möglicherweise diese Kinder noch in unserem Land leben. Und unser Verhalten wird für sie ein Maßstab dafür sein, wie sie sich bei uns sozial einordnen und wie sie uns als Menschen beurteilen.“ 

Von Diversity-Management hat damals noch niemand gesprochen. Es brauchte diese Begrifflichkeit auch nicht, weil „Vielfalt“ selbstverständlich gelebt wurde, denn die Sehnsüchte der Menschen sind überall gleich – sie wollen Frieden und Glück, egal in welcher Kultur sie leben. 

Egidius Braun war von Beginn an dabei, als sich Fußball-Vereine der Integration ausländischer Bürger öffneten. Im Dreiländereck Aachen-Maastricht-Lüttich initiierte er in den 70er Jahren zahlreiche Kontakte zu Vereinen im benachbarten Ausland. Die Integrationsprogramme für Ausländer und eine Jugendförderung auf breiter Ebene gehören zu den herausragenden Leistungen während seiner Mittelrhein-Präsidentschaft.

Fußball als Mittel zur Toleranz, Integration und Völkerverständigung war sein großes und dauerhaftes Thema. Später gründete er das DFB-Jugendwerk, das durch internationale Verbandsjugendhilfe sehr engagiert für den Fußball in Osteuropa eintritt und sich für die Integration der Landesverbände in den neuen Bundesländern einsetzte, damit auch im Fußball zusammenwächst, was zusammengehört. 

Pionier der Nachhaltigkeit 

Die erste Reihe hat Egidius Braun nie gesucht. Vielmehr ist er auf sie zugekommen – aus einem traurigen Grund: Als Hermann Neuberger 1992 einem Krebsleiden erlag, wurde Braun, bislang verantwortlich für die Finanzen, sein Nachfolger. Dabei versuchte er nie, seine Vorgänger zu kopieren.

Er hatte seine eigenen Vorstellungen, wie man solche Ämter ausfüllen und einen traditionellen Verband wie den DFB führen muss: Er war hart in der Sache, gradlinig, mitunter auch ungeduldig und schonungslos sich selbst gegenüber.

Sein altgriechischer Vorname Egidius bedeutet so viel wie „Schildhalter“, der er als DFB-Präsident immer war, denn er fühlte sich an das gebunden, was darauf an Lebensaufgaben stand: Kampf für die Gleichberechtigung zwischen Profi- und Amateursport, Stärkung der Vereine als Keimzellen des Fußballs, bürgerschaftliches Engagement, Verlässlichkeit und ehrliche Kommunikation.

Egidius Braun hat für das Thema „Nachhaltigkeit“ als Pionier prozesshafte Übersetzungsarbeit geleistet. Mit einer verstärkten Medienarbeit wollte er unter anderem erreichen, dass nicht nur das Ansehen des Verbandes in der Öffentlichkeit verbessert und den Leistungen entsprechend dargestellt wird, sondern dass vor allem die Werte, die der Fußball vermittelt, in sämtlichen Medien eine nachhaltige und positive Resonanz finden.

Überbezahlte Profis

Otto Rehhagel, heute u.a. Kuratoriumsmitglied der DFB-Stiftungen, mahnte in den vergangenen Jahren immer wieder an, dass sich der Fußball wieder auf die alten Werte besinnen muss: „Heute ist es leider so, dass die Berater ihren Jungens sagen: Ich mache aus dir einen Millionär. Sie sagen nicht: Ich mache aus dir einen guten Fußballer.“ 

In den Anfangszeiten des bundesdeutschen Fußballs bewegten sich noch viele Amateure auf dem Spielfeld, denen es um die Freude am Fußball ging. Inzwischen haben sich Profifußballer zu Privatunternehmern mit Managern und Beratern entwickelt.

Schon in den siebziger Jahren sprach sich der Finanz- und Steuerfachmann Egidius Braun gegen eine Überbezahlung der Profis aus. Er sah darin die Gefahr eines Imageverlusts für den gesamten Fußball, „der vom großen Heer der Amateurvereine getragen wird“. Und er las all jenen die Leviten, die glaubten, aus Steuergeldern Profigehälter bezahlen zu können. Er trat zwar für den Berufsfußball ein, allerdings war er der Meinung, dass Profifußballer nur in dem Maße bezahlt werden, „wie sie durch ihre Leistungen in der Lage sind, Zuschauer anzuziehen und damit die Kassen zu füllen“. Gewinnen oder verlieren, kann und darf „es“ nicht sein, war sein Credo.

Seit seiner Mitarbeit in den höchsten nationalen und internationalen Gremien bemühte sich Egidius Braun verstärkt darum, das hemmungslose Profitstreben in angemessenen Grenzen zu halten. Auch warnte er davor, Fußball mit einem Dukatenesel zu verwechseln und ihn zu einer Unterhaltungsware, einem Event, verkommen zu lassen: „Wenn der Fußball nur noch eine Abteilung der Unterhaltungsbranche sein sollte, dann wäre es nicht mehr meine Welt“, betonte er. Dabei lehnte er Kommerzialisierung keineswegs ab, sondern plädierte für Augenmaß. Das bedeutet auch, auf kurzfristige Vorteile zu verzichten und Wirtschaften als langfristiges Schaffen von Werten betrachten.

Unmittelbar vor den Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen des Deutschen Fußballbundes in Leipzig warnte Braun in einem Interview der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor einem überbordenden Turbokapitalismus im Fußball: „Manchester-Kapitalismus heißt, Geld einzusetzen, wo das Geld verspricht, Profit zu bringen.“ Fußball darf nicht von Geschäftemachern missbraucht werden – es ist kein Millionenspiel, sondern ein Spiel von Millionen Menschen, die das eigentliche Kapital sind. 

Egidius Braun ging es immer (auch) um Lebenssinn, den Geld allein nicht stiften kann. Doch ohne Geld ist vieles Sinnvolle und Nachhaltige auch nicht möglich. Es kommt auf die Balance und das „Wie“ an: So konnten für die Mexiko-Hilfe, die 1986 während der Weltmeisterschaft in Mexiko von ihm initiiert und seitdem von Fußball-Persönlichkeiten wie Franz Beckenbauer, Rudi Völler, Karl-Heinz Rummenigge oder Jürgen Klinsmann unterstützt wurde, siebenstellige Beträge gesammelt und dem guten Zweck vor Ort zugeführt werden.

Dabei handelte es sich hier um keine Einbahnstraße: „Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen, ein Beweis dafür, dass wir gemeinsam handeln müssen, um in der Zukunft zu bestehen. Das Konzept des Nationalstaats, der sich hinter einer Mauer verstecken kann, gehört der Vergangenheit an. 

Es geht nicht mehr an, dass jemand sagt: ‚Ich lebe ganz gut, sollen die anderen doch sehen, wie sie zurechtkommen.‘ Keiner kann ohne den anderen leben.“ So die Kernaussage seiner Rede anlässlich der Verleihung des „Tecelote de Oro“ der Universidad Autónoma de Guadalajara (Mexico, April 1997).

 

 

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Theresia Maria Wuttke

Vorständin der THEOS Consulting AG, Integraler Senior Consultant und Business Management Coach, Master- und Lehrcoach, Tiefenpsychologin, Pädagogin mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung, Bankkauffrau, Autorin

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