Was Geld und Archetypen miteinander zu tun haben

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Bernard Lietaer und die Archetypenlehre von C. G. Jung.

Bernard Lietaer ist ein internationaler Finanzexperte für Geldsysteme, der mehr als 35 Jahre in ungewöhnlich vielfältigen Funktionen der Finanzbranche gearbeitet hat. Bei der belgischen Zentralbank war er an der Gestaltung und Umsetzung des Konvergenzmechanismus (ECU) im europäischen Währungssystem beteiligt und wurde anschließend Präsident des belgischen elektronischen Zahlungssystems. Er war Generalmanager und Währungstrader beim Gaia Hedgefonds. Business Week ernannte ihn 1990 zum Toptrader der Welt. Bernard A. Lietaer griff auf die Archetypenlehre von C. G. Jung zurück. Archetypen, repräsentiert als Bilder, Gottheiten oder Symbole, sind die menschlichen Grundenergien, die jeweils bestimmten Gefühlskomplexen zugehörig sind. Bernard A. Lietaer zählt fünf, die er dem Pentagramm des menschlichen Körpers zuordnet: den Magier und den Krieger, die Große Mutter und den Liebhaber sowie den Herrscher beziehungsweise die Herrscherin. Diese Archetypen sind jeder menschlichen Kultur eigen und finden ihren Ausdruck in Berufen, gesellschaftlichen Rollen und Organisationen.

Je nachdem, in welchem Ausmaß sie gewürdigt und gelebt werden dürfen, prägen sie die Kultur. Wird ein Archetyp nicht geachtet oder ignoriert, ausgegrenzt und verdrängt, dann verschwindet er aus dem Wachbewusstsein und dem öffentlichen Raum. Er wird zum Schatten. Die Schatten eines Archetyps sind die gegensätzlichen Gefühle, die im kollektiven Unbewussten zerstörerisch wirken oder eine Zerstörung von außen ermöglichen.

Bernard A. Lietaer fiel auf, „dass es einen sehr wichtigen Archetyp gibt, der in unserer westlichen Kultur systematisch unterdrückt wird: die Große Mutter”. Sie repräsentiert Fülle, Reichtum, Überfluss und Großzügigkeit. Das Gegenteil der Großen Mutter sind Knappheit und Gier. Diese Schatten „passen genau zu den Gefühlen, die unser Verhältnis zum Geld charakterisieren”, meint Lietaer.

Alle Vorläuferkulturen unserer heutigen westlichen Zivilisation, die hebräische, die griechische und die christliche, haben ihren Beitrag zur Unterdrückung des Weiblichen, das heißt des Archetyps der Großen Mutter, geleistet. In Europa wurde der weibliche Archetyp gewaltsam und gründlich aus dem Bewusstsein gelöscht - die Hexenverfolgung und die Inquisition sind dafür deutliche Belege. So effektiv war diese Auslöschung, dass spätere Generationen kein Bewusstsein für den weiblichen Archetyp mehr hatten.

Fern- und Regionalwährung

Gesellschaften, die den Archetyp der Großen Mutter würdigten, so Bernard A. Lietaer, lebten im Wohlstand, weil sie Währungssysteme entwickelten, die unseren heutigen diametral entgegengesetzt sind: Sie basierten auf anderen Werten und funktionierten nach einer anderen Logik. Das Ägypten der Pharaonenzeit war ein Beispiel dafür. Es kannte zwei Währungssysteme, die nebeneinander existierten und sich ergänzten. Eine knappe Währung aus Edelmetall (zum Beispiel Goldringe) wurde ausschließlich für den Fernhandel benutzt, also für den Gütertausch mit anderen Gesellschaften. Daneben gab es ein internes Zahlungsmittel: Dazu diente Getreide, das Hauptprodukt, von dem große Überschüsse erzeugt wurden. Da es als Zahlungsmittel schlecht zu transportieren und zu handhaben war, wurde es gelagert und die deponierte Menge durch Tontäfelchen symbolisiert. Diese zirkulierten als lokale Zahlungsmittel und waren nur in Ägypten als Währung akzeptiert. Sie dienten als Geld auf den örtlichen Märkten.

Da Getreide als Naturprodukt vergänglich ist und Lagerkosten entstanden, war das Geld mit einer Demurrage belegt, einer “Schwundgebühr”: Derjenige, der seine Tontäfelchen in Getreide zurücktauschen wollte, erhielt etwas weniger, als er Monate zuvor geliefert hatte. Die Gebühr war abhängig von der Zeit, die seit der ersten Transaktion verstrichen war. Die Demurrage machte es sinnlos, dieses Geld zu horten. Vielmehr war es wirtschaftlich, solches Geld in dauerhafte Produkte des täglichen Lebens, in Infrastruktur oder sogar Kunst zu investieren. Nur so viel wurde zurückgetauscht, wie agrarwirtschaftlich notwendig war. Reichtum äußerte sich nicht in Geld oder Edelmetall, sondern in produktiven Aktiva wie Bewässerungssystemen oder Bauten.

Das Yin-Yang-Konzept

Eine Währung, die mit Demurrage funktioniert statt mit Zins, sorgt für ein gesellschaftliches Gleichgewicht. Yin-Währung, nennt Lietaer sie, in Anlehnung an das taoistische Yin-Yang-Konzept. Er macht die patriarchale Brille der Forscher dafür verantwortlich, dass Yin-Währungen in unserer Geschichtsschreibung so selten erwähnt werden. Wer sich kein anderes Geldsystem als unser heutiges, von Zinsen geprägtes vorstellen kann, kann auch nur die Edelmetallmünzen der Antike als Geld werten.
Für die kretisch-minoische Kultur wird man wahrscheinlich in naher Zukunft den Gebrauch einer Yin-Währung, auch durch Tontäfelchen symbolisiert, nachweisen können, vermutet er. Yin-Währungen hat es auch in Europa gegeben: im 10. bis 13. Jahrhundert als lokal geprägtes Münzgeld, das wegen der Demurrage in Form regelmäßiger “Münzverrufungen”, das heißt Einzug und Neuprägung des Geldes, mit hoher Geschwindigkeit zirkulierte. Damit ermöglichte es eine wirtschaftliche Aktivität breiter Bevölkerungsschichten.

Mit der Demurragewährung wurden Kathedralen und architektonische Mittelpunkte der Städte, die den gemeinschaftlichen Bedürfnissen der Bürger dienten, gebaut. Diese Menschen dachten und planten für Generationen. Sie haben eine Kunst geschaffen, die bis heute die Wissenschaftler beschäftigt und Touristenströme anzieht. Lokales Bürgergeld, keine Zentralmacht, hatte eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte geschaffen sowie einen Wohlstand für breite Schichten in Europa, der sich bis heute nicht wiederholt hat. Langfristiges Denken und Investitionen in die Zukunft kennzeichneten das hochmittelalterliche Denken und Handeln. Die Rechtsstellung der Frauen war ausgesprochen gut. Kein Zufall, sagt Lietaer, dass in dieser Zeit der Kult der Schwarzen Madonna auftauchte, von Rom heftig bekämpft, und der Aspekt des Weiblichen, der Großen Mutter also, auch in der christlichen Religion wieder an Stärke gewann.

Zinsen, ein wesentliches Merkmal von Yang-Währungen

Mit der Unterdrückung des Archetypen der Großen Mutter entwickelten sich andere Geldsysteme. Es entstanden Yang-Währungen, wie Bernard A. Lietaer die Geldsysteme patriarchaler Kulturen nennt. Yang-Währungssysteme haben gemeinsam, „dass sie die Anhäufung von Geld durch eine relativ kleine Elite fördern. Dies hat den Effekt, dass das verfügbare Tauschmittel für einen bedeutenden Teil der Gesellschaft begrenzt bleibt.“

Zinsen sind ein wesentliches Merkmal von Yang-Währungen. Zinsen, ohne die wir uns unsere Wirtschaft und unser Geldsystem nicht vorstellen können, haben eine destruktive Wirkung - ein Grund, warum alle Hochreligionen diese Erscheinungsform der Geldwirtschaft verurteilen. Das Bild des “Josefs Pfennigs” verdeutlicht dies: Hätte Josef bei Christi Geburt einen einzigen Pfennig zum geringen Zinssatz von fünf Prozent angelegt, dann hätte die Geldanlage im Jahr 1749 einen Wert erreicht, der dem einer Kugel Gold von der Größe der Erde entspräche. 1990 hätten sich die Zinsen auf 134 Milliarden Kugeln Gold von der Größe unseres Planeten summiert.
Jedes Zinssystem führt zu einem gesellschaftlichen Ungleichgewicht: Ein Teil der Gesellschaft, und zwar der größere, wird immer ärmer und der andere immer reicher. Die Schuldenkrise der Länder der so genannten “Dritten Welt” ist durch dieses Geldsystem erzeugt: Der Produktionsfortschritt dieser Länder wird von den Zinszahlungen an die “Erste Welt” aufgefressen.

Zinsen ermöglichen das Horten von Geld und fördern nur kurzfristiges Denken: 100 Euro sind - diskontiert mit zehn Prozent pro Jahr -, in 100 Jahren nur noch sieben Cent wert, in 200 Jahren sogar nur noch 0,00003 Euro. Langfristiges Planen und Handeln lohnt sich nicht. Das ist der Grund, warum die in diesem System reich gewordenen Länder wider besseres Wissen und wider alle wissenschaftliche Erkenntnis die Lebensgrundlage künftiger Generationen zerstörerisch aufs Spiel setzen. Unser Geldsystem unterstützt die Werte des Habens, der Aneignung und des Besitzes. Bewährte, von vielen Kulturen entwickelte gesellschaftliche Vereinbarungen lassen sich jedoch auf Dauer nicht unterdrücken. Die Menschen kommen immer wieder darauf zurück.

Wenn YIn und Yang wieder zueinander finden

Heute sind sie wieder da: die lokalen Yin-Währungen, Geldschöpfungen der Bürger, die in diesem System am Rande stehen und für die die herrschende Zentralbankwährung zu knapp ist, um damit wirtschaftlich zu überleben: Diesmal überwiegend in Form von LETS-Systemen, Local Exchange Trading Systems, überall dort, wo die Menschen an Not und Arbeitslosigkeit nicht verzweifeln, sondern kreativ werden. 1983 in Kanada erfunden, gibt es heute weltweit mehr als 2000 solcher Tauschringe und lokaler Währungen. Im krisengeschüttelten Argentinien, dem aktuellen Währungspatienten Nummer 1, gibt es Hunderte Variationen selbstgeschöpften Geldes, das auf lokalen Märkten zirkuliert, von selbstorganisierten Institutionen ausgegeben wird und das dazu beiträgt, die kleinen Leute vor dem Ärgsten zu bewahren. In den USA werden die Komplementärwährungen - allesamt Yin-Währungen nach Lietaers Klassifizierung - bereits staatlich gefördert: Ein Bundesgesetz garantiert allen wirtschaftlichen Transaktionen in Time Dollar Steuerfreiheit. In vielen US-Bundesstaaten werden kommunale Mittel eingesetzt, um Time-Dollar-Systeme einzurichten.
Dieses System ist “bestechend einfach”, wie Lietaer in seinem Buch „Das Geld der Zukunft“ an einem Beispiel beschreibt: “Joe sieht nicht mehr gut und kann daher nicht mehr Auto fahren. Er braucht aber ein Paar neue Spezialschuhe, die es nur am anderen Ende der Stadt gibt. Julie stellt sich für die einstündige Fahrt zur Verfügung und holt die neuen Schuhe ab. Sie erhält dafür ein Guthaben über eine Stunde, Joe dagegen ist mit einer Stunde im Soll. Beides wird am Schwarzen Brett vor dem Büro des Verwalters vermerkt. Julie kann ihr Guthaben für die Kekse verwenden, die eine Nachbarin gebacken hat, während Joe sein Minus vielleicht durch Arbeit im Gemeinschaftsgarten wieder ausgleicht.”

Bernard A. Lietaer plädiert nicht dafür, die von Zentralbanken gesteuerten Yang-Währungen abzuschaffen, sondern nur ihr Monopol in unserer Gesellschaft. Daneben sollen ergänzend, so wie erst Yin und Yang zusammen das Ganze bilden, komplementäre Yin-Währungen treten. Terra soll die neue weltweite Yin-Währung heißen, die nicht mehr an ein Produkt gebunden ist wie im antiken Ägypten, sondern an einen Warenkorb der gängigen Rohstoffe und Hauptprodukte - so wie es von namhaften Wirtschaftswissenschaftlern seit Jahrzehnten gefordert wird. Die Terra wäre mit einer Demurrage belastet und inflationssicher. Sie würde den internationalen Handel auf eine stabile, gerechte Grundlage stellen. Terra könnte elektronisch zirkulieren wie bereits heute 98 Prozent allen Geldes - technisch ist das kein Problem.
Als Aufklärer ist Lietaer Optimist. Er hält es für möglich, dass wir uns unserer tiefliegenden Gefühle, die mit dem Geld und unseren Währungssystemen verbunden sind, bewusstwerden und dass wir unseren Verstand gebrauchen, um Wertentscheidungen für oder gegen ein Geldsystem zu treffen. Damit könnten wir aufhören, Opfer des Schicksals beziehungsweise irrationaler Kurssprünge von Aktien- und Devisenmärkten zu sein, und zu Gestaltern einer menschenwürdigen Zukunft werden.

Mit diesem Artikel erinnere ich an meinen geschätzten Kollegen Bernard Lietaer
(† 04.02.2019) Theresia Maria Wuttke, Vorständin der Theos Consulting AG

Literatur

  • Bernard A. Lietaer: Das Geld der Zukunft. Über die destruktive Wirkung des existierenden Geldsystems und die Entwicklung von Komplementär-währungen. Riemann Verlag, München 1999
  • Ders.: Mysterium Geld. Emotionale Bedeutung und Wirkungsweise eines Tabus, Riemann Verlag, München 2000
  • Ders.: Die Welt des Geldes. Das Aufklärungsbuch. Arena Verlag, Würzburg 2001

Autor: Thomas Huber

 

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Theresia Maria Wuttke

Vorständin der THEOS Consulting AG, Integraler Senior Consultant und Business Management Coach, Master- und Lehrcoach, Tiefenpsychologin, Pädagogin mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung, Bankkauffrau, Autorin

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